Auf neuen Wegen!
Mein Jahr in Kairo.
DJ Shaepherd under cover.
Begleite mich für ein Jahr bei meinem Trip in die bevölkerungsreichste Stadt Afrikas mitten in die arabische Welt.
Kairo
"Kairo pulsiert wie ein endloser Herzschlag aus Sand, Rauch und Leben - zwischen hupenden Autos, duftenden Garküchen und ehrwürdigen historischen Mauern scheint jeder Moment ein Tanz zwischen Chaos und Ewigkeit. Über allem wachen die Pyramiden von Gizeh, stumm, majestätisch, als hätten sie alle Geheimnisse der Menschheit in ihren Schatten versteckt."
Begleite mich auf neuen Wegen.
Ein Jahr in Ägypten, ein Jahr in Kairo, ein Jahr unterrichten an der deutschen Schule.
Ein Jahr in der arabischen Welt auf neuen Wegen , ein Jahr für authentische Begegnungen und Erlebnisse in einem spannenden Land.
Ein Jahr Zeit für neue Perspektiven und Projekte.
Ob es für das ganz große Projekt reicht, steht in den ägyptischen Sternen.
"Inshallah" (إن شاء الله)
Für einen "Reiseblog" oder kleinere Reiseberichte sollte es auf jeden Fall reichen.
Ich lade dich ein, mich hier auf meiner Homepage auf meinen neuen Wegen zu begleiten.
Ich werde versuchen, meine Eindrücke und Erfahrungen aus diesem Jahr in Ägypten möglichst authentisch, offen und mit etwas speziellem DJ Shaepherd-Humor weiterzugeben. Bitte sei nachsichtig, wenn ich ungenau bin oder an der einen oder anderen Stelle etwas übertreibe und die Pyramiden um 2 Meter gewachsen sind. Haben nicht schon die alten Seefahrer bei ihren Reiseberichten aus entfernten Ländern und Kontinenten immer zu diesem Stilmittel gegriffen?
Und trotz der fliegenden Elefanten können Reiseberichte natürlich auch ermüdend sein.
Für diesen Fall möchte ich meine Bilder sprechen lassen und berichte in der Rubrik "Bemerkenswertes" in aller Kürze über bemerkenswerte Fakten zu Kairo und Ägypten
5 Ägypten und seine Oasen
Wer in Kairo lebt, benötigt bei dem Dauerfeuer auf die verschiedenen Sinne immer spätestens nach ein paar Wochen eine Auszeit. Also "raus ins Grüne". So jedenfalls der klassische Reflex des Zentraleuropäers. Doch so einfach ist das in einem ariden Land wie Ägypten, das zu über 90 Prozent aus Wüste besteht, nicht. Egal in welche Richtung man das Häusermeer von Kairo verlässt ... die Bilder beim Blick aus dem Autofenster wiederholen sich. Nachdem man das eigentliche Stadtgebiet von Kairo hinter sich gelassen hat, geht es vorbei an einer der zahlreichen "Trabantenstädten". Hier leben vor allem wohlhabende Ägypter, die vor der Enge der Stadt geflüchtet sind. Danach führt uns die nun 5-spurige Autobahn vorbei an verschiedenen Bauruinen stundenlang durch eine karge Mondlandschaft. Ein Besucher aus Deutschland fühlte sich dabei an die Endzeitstimmung im Film "Mad Max" erinnert. Nachvollziehbar! Eine Fahrt durch die Wüste, die auch das Auge dursten lässt. Der Durst nach einem Wechsel der Farben von hellbraun zu grün oder blau. Von einigen dieser Oasen in wörtlichem und übertragenem Sinne möchte ich in diesem Abschnitt berichten.
Oase Fayoum mit Töpferdorf Tunis
Unsere erste Reise führt uns in eine (fast) richtige Oase. Unser Ziel: Das Töpferdorf Tunis in der Oase Fayoum ca. 100 km südwestlich von Kairo gelegen. Nach einer einstündigen Fahrt durch die bereits beschriebene Mondlandschaft wird es plötzlich grüner und im Hintergrund schimmert blau der Quarun-See - welch Wohltat für die Augen.
Willkommen im ländlichen Ägypten. Dattelpalmen, Oliven- oder Orangenbäume säumen den Weg. Kamele, Esel oder Tuktuks als Verkehrsteilnehmer auf der holprigen Straße, die immer wieder kleine lebendige Dörfer durchquert. Das Leben spielt sich entlang der Hauptstraße ab: Es wird in der kleinen Garage repariert, unter dem Zeltdach Obst und Gemüse verkauft oder bei einem türkischen Kaffee eine angeregte Unterhaltung geführt. Die Ägypter in dieser ländlichen Gegend leben in sehr einfachen Verhältnissen, strahlen aber - zumindest auf uns - eine gewisse Zufriedenheit und Ruhe aus, die sich auch auf uns überträgt. Tunis selbst ist ein kleines beschauliches Dorf - vor allem bekannt für seine zahlreichen Töpferwerkstätten und kleinen Kunstgalerien. Tunis ist aber auch gleichzeitig idealer Ausgangspunkt für Reit- und Autotouren in die "richtige" Wüste.
Oase der Stille - Wüstenübernachtung
Die Übernachtung in der Wüste. Ein ganz großes Highlight am Firmament unserer Zeit in Ägypten, das sich nur schwer beschreiben lässt. In der Einsamkeit und Ruhe der Dämmerung und der Nacht offenbart die oft so schroffe und lebensfeindliche Wüste ihren besonderen Zauber. Ein gefühlt grenzenloser Blick in die Weite, eine förmlich greifbare Stille und ein faszinierender Sternenhimmel. Ein einzigartiger Ort. Ich sitze bei einer heißen Tasse Tee am Lagerfeuer, lasse die intensiven Eindrücke wirken und fühle eine Dankbarkeit dafür, genau jetzt an diesem besonderen Ort sein zu können.
Oase der Zeit - Wadi El Hitan
Wir marschieren unter der sengenden Sonne Ägyptens durch die Wüste und stehen plötzlich vor einem beachtlichen Skelett eines Wals. Erste Zeichen der Dehydrierung oder gar eine Fata Morgana? Nein, wir befinden uns im Wadi El Hitan, auch Tal der Wale genannt. In diesem Trockental, seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe wurden mittlerweile über 250 Skelette des Basilosaurus, ein Vorfahre der heutigen Wale, entdeckt. Grabbeigaben für die Pharaonen? Nein, die Skelette sind Relikte einer Zeit weit vor den Pharaonen. Kaum vorstellbar! Vor über 40 Millionen Jahren befand sich tatsächlich ein Ozean. Auch ägyptisch: Die Walskelette sind für den Besucher ohne jegliche Absicherung in Griffweite. Ein Halswirbel als ägyptisches Souvenir ist sicher origineller als der Kühlschrankmagnet in Pyramidenform. Doch Vorsicht: Eine Gruppe belgischer Diplomaten soll mit einem Geländewagen ein Walskelett beschädigt haben. Eine Entschädigungssumme in sechsstelliger Höhe steht im Raum.
Oase am Nil - Aswan
Aswan, bei uns bekannt als Assuan, ist die südlichste größere Stadt Ägyptens unweit der sudanesischen Grenze. Bekannt ist Assuan für die meisten durch den Assuan-Staudamm, dessen immense Ausmaße wir beim Anflug bestaunen konnten. Wer ein Gefühl für diese Stadt und die Landschaften am Nil bekommen will, dem sei der Klassiker "Tod auf dem Nil" empfohlen. Tatsächlich hat Agatha Christie einen Teil ihres Klassikers im Old Cataract Hotel in Assuan geschrieben, das noch immer imposant auf einem Felsen über dem Nil thront. Auch wir genießen vom benachbarten Park in der Abenddämmerung den Blick auf das muntere Treiben auf dem Nil: Die großen Kreuzfahrtschiffe am Ufer warten auf ihren Start Richtung Luxor, kleine Feluken segeln entspannt dahin und die Fähren befördern Einheimische und Touristen auf die Nilinsel Elefantine. Dort in einem traditionellen nubischen Dorf befindet sich auch unsere sympathische Unterkunft, auf deren Dachterrasse man die Sonne hinter den großen Sanddünen untergehen sehen kann. Die bunte nubische Kultur mit ihren besonderen Traditionen ist in Aswan allgegenwärtig und so lassen wir den Abend bei einer leckeren nubischen Tajine und einem nubischen Kaffee in unserem Lieblingsrestaurant „King Jamaika“ ausklingen.
Oase der Freiheit - Dahab
Allein der Weg nach Dahab, was auf Arabisch Gold bedeutet, ist ein Erlebnis. Das wird uns zum ersten Mal vor der "Unterquerung" des Suezkanals bewusst. Wer in Ägypten lebt, gewöhnt sich in kurzer Zeit an das Bild von Polizeistationen, davor junge Männer mit Gewehr im Arm oder ältere Polizisten auf dem Plastikstuhl mit Pistole im Halfter und Oberlippenbart. Gemessen an der Bevölkerungszahl unterhält Ägypten einen der größten Polizeiapparate der Welt. Vor dem Befahren der Halbinsel mit dem Suezkanal als Grenze muss unsere Reisegruppe bestehend aus drei Familien, erstmal den Minibus mitsamt Gepäck verlassen. Ausweiskontrolle, das Gepäck durch den Scanner, zu Fuß über die Grenze und dann wieder in den Bus. Auf dem Weg durch eine eindrucksvolle Gebirgslandschaft, vorbei an historischen biblischen Stätten wie dem Sinai-Berg müssen wir zahlreiche weitere Kontrollen passieren. Wie lange eine solche Kontrolle dauert, hängt offensichtlich im Wesentlichen davon ab, ob die Chemie zwischen unserem Fahrer und dem kontrollierenden Polizeioffizier stimmt. Wer hier am längeren Hebel sitzt, ist klar und so bleibt bei jedem ungeplanten Stopp zumindest ein mulmiges Restgefühl.
So ist es umso verwunderlicher, dass wir nach achtstündiger Fahrt in Dahab von einer Graswolke empfangen werden. In Ägypten ist der Besitz von Cannabis bei hohen Strafen verboten. Dahab ist innerhalb eines stark reglementierten Landes eine "Oase" für Freiheiten und alternative Lebensmodelle. Sicherlich hat uns nicht die Graswolke nach Dahab an den Golf von Akaba mit Blick auf die Küste Saudi-Arabiens gelockt, aber diese entspannte Atmosphäre in diesem Urlaubsort zu erleben tut gut und ist ein weiteres buntes Mosaiksteinchen in meinem Bild von Ägypten. Bunt wie die Unterwasserwelt vor Dahab mit beeindruckenden Korallenriffen und Fischen in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Und das abseits der Mekkas des Pauschaltourismus wie Hurghada und Sharm El Sheikh.
Oase des Glaubens - Antonius-Kloster
Wieder einmal scheint eine Straße ins Nirgendwo zu führen. Wie an der Schnur gezogen steuern wir auf eine Gebirgskette zu bis sich in der Ferne am Fuße des Gebirges Kirchtürme aus der Landschaft erheben. Das Kloster des heiligen Antonius wurde bereits im 4. Jahrhundert nach Christus gegründet gilt als eines der ältesten dauerhaft bewohnten Klöster der Welt. An diesem Ort suchte Antonius in der Stille und Einsamkeit der Wüste die Begegnung mit Gott. Auch heute noch machen sich viele Kopten aus allen Teilen Ägyptens auf den Weg zum dem heute von rund 100 Mönchen bewohnten Wüstenkloster. Gemeinsam mit ihnen erklimmen auch wir die ungefähr 1000 Stufen zur Höhle des heiligen Antonius. Die absolute Ruhe finden wir dort nicht, aber auch der Blick über die Ebenen mit den Lobgesängen der koptischen Pilger als akustische Untermalung sorgt für eine spirituelle Stimmung.
Allen die mehr zu den koptischen Christen in Ägypten und zum Antonius-Kloster wissen wollen, empfehle ich die interessante ARD-Dokumentation "Reise zu Kopten".
4 Leben in Kairo
"Wer Kairo nicht gesehen hat, hat die Welt nicht gesehen. Ihre Erde ist aus Gold, ihr Nil ist ein Wunder, ihre Frauen sind wie schwarzäugige Jungfrauen aus dem Paradies, ihre Häuser sind Paläste, ihre Luft ist weich und duftend wie Aloeholz. Und wie könnte es anders sein, ist es doch die Mutter der Welt."
Mit diesem Zitat aus 1001 Nacht beginnt in unserem Reiseführer „Ägypten - Das Niltal von Kairo bis Abu Simbel“ (Reise Know-How-Verlag, 2023) der Abschnitt zu Kairo. Bei dieser Beschreibung unseres neuen Lebensmittelpunktes Kairo konnte ich mir ein süffisantes Schmunzeln nicht verkneifen. Nein, ich meine jetzt nicht die Stelle mit den „schwarzäugigen Jungfrauen aus dem Paradies“. Davon muss ich mich klar distanzieren, sonst ist meine Karriere als seriöser Reiseberichterstatter vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat. Viel amüsanter: „Ihre Luft ist weich und duftend wie Aloeholz“. Eine sehr nette Vorstellung: Die ca. 4,5 Millionen Autos, die sich tagtäglich durch Kairos Straßen schieben werden mit Aloeholz betrieben und verströmen angenehme Düfte aus ihren Auspuffen. Auf jeden Fall hätte ich gerne mal meine Nase und meine weiteren Sinne in das mittelalterliche Kairo gesteckt. Die beeindruckenden gut erhaltenen Bauwerke, wie Moscheen und Paläste, gewähren zumindest optisch einen Blick durch das Schlüsselloch in diese Zeit. Aber wie lebt es sich nun denn im Kairo des 21. Jahrhunderts, der mit ca. 20 – 30 Millionen Einwohnern – so genau weiß das keiner hier – bevölkerungsreichsten Stadt Afrikas? Die Autoren diverser Reiseführer kommen nach kurzer Erwähnung der Herausforderungen, die eine Stadt wie Kairo an seine Einwohner und Besucher stellt, unisono zu der Erkenntnis, dass man Kairo, die „Mutter der Welt“ unbedingt erlebt haben muss. Wobei damit eigentlich immer das Erleben aus touristischer Perspektive gemeint ist. Das vorübergehende Eintauchen – manchmal nur wenige Tage, manchmal etwas länger – in ein fremdes Land, eine fremde Stadt und eine fremde Kultur auf der Suche nach Erholung, Inspiration und in der Hoffnung auf bereichernde, schöne Erlebnisse im Rückreise-Gepäck. Im Idealfall passen die erlebten Herausforderungen bequem ins Handgepäck. Das ändert sich natürlich, wenn aus dem kurzzeitigen „Erleben“ das tägliche „Leben“ in einem „Moloch“ wie Kairo wird.
Auch hier nochmal ein Zitat aus dem Reiseführer:„Kairo ist ein Riesenlabyrinth, das überquillt von Lärm, Menschen, Autos, Dreck …“ ("Ägypten - Das Niltal", Reise Know-How, S. 108)
Wer nach dieser Kurzbeschreibung die Lektüre meines Reiseberichts abbricht, wird Kairo vermutlich aus der Liste möglicher Reiseziele vorschnell streichen. Damit dies nicht geschieht … weiterlesen. Aber zu einer ehrlichen und authentischen „Berichterstattung“ über unser Auslandsjahr gehört nun mal auch die Schilderung der alltäglichen Herausforderungen, die sich genau in dem erwähnten Spannungsfeld Lärm – Menschen – Autos – Dreck bewegen. Aber Herausforderungen sind auch immer eine Chance (voneinander) zu lernen und zu wachsen. Genau dafür haben wir uns auf das Abenteuer Auslandsjahr in Kairo als Familie eingelassen: Erleben, Leben und dabei im interkulturellen Austausch (voneinander) lernen.
Dazu stürzen wir uns zuerst gemeinsam in den berühmt-berüchtigten Straßenverkehr von Kairo.
Verkehr
Beim Stichwort „Verkehr“ gingen bei Gesprächen mit „Kairo-Kennern“ im Vorfeld unserer Ausreise fast immer die Warnlampen an. Kairo ist riesig. Die Strecken, die man auf dem Weg zur Arbeit oder in die Schule zurücklegen muss, sind in der Regel immens. Von unserem Wohnort Maadi im Süden Kairos bis zum Stadtteil Dokki, in dem die deutsche Schule liegt, muss man eine Strecke von ca. 20 km zurücklegen - Fahrzeit je nach Verkehrslage zwischen 30 Minuten und einer Stunde. Und so geht es Millionen von Kairoern. Rund zwei Drittel nutzen einen der ca. 4,5 Millionen PKWs für diese alltäglichen Wege. Stoßstange an Stoßstange schiebt man sich vor allem während der morgendlichen und abendlichen Rush-Hour durch die staubigen Straßen von Kairo. Trotz Hupverbot ist das ständige Hupen der „Background-Sound“ dieser Stadt und bringt keinen der unzähligen am Straßenrand dösenden Straßenhunde dazu, auch nur müde den Kopf zu heben. Fußgänger überqueren in aller Ruhe 6-spurige Straßen, um den nächsten Mikro-Bus für den Weg zur Arbeit zu erreichen. Nur ein kurzes Hupen der 4-köpfigen Familie auf dem Motorrad – Säugling inklusive. Der Vater am Steuer mit dem Handy in der Hand. (Überhaupt habe ich hier in Kairo manchmal das Gefühl, dass Fahren OHNE Handy strafrechtlich verfolgt wird, genau wie das Motorrad-Fahren MIT Helm.)
Der Eselkarren mit den Melonen auf der Pritsche teilt sich die Spur mit dem großen Schulbus auf dem Weg zur Privatschule und dem völlig überladenen LKW … sorry … Fahrspuren gibt es hier eigentlich nicht. Man sucht sich seinen Platz und seine Lücke für den Überholvorgang, wenn der Esel vor der Nase nur im 1. Gang läuft. Rechts vorbei, links vorbei … alles ist erlaubt, solange zur Warnung und Ankündigung des Überholvorgangs gehupt wird. Das „aktive ägyptische Anstehen“ Beherrschen vor allem die unzähligen Uber-Fahrer in Perfektion. Wer sich seine Lücke nicht aktiv sucht, kommt nicht oder nur mit großer Verspätung zum Ziel. Das „aktive Anstehen“ ist tatsächlich ein generelles ägyptischen Phänomen. Ich habe mich lange Zeit regelmäßig darüber gewundert – milde ausgedrückt – warum beim Warten am Schulkiosk, immer wenn ich gefühlt an der Reihe war, wie von Geisterhand ein neuer Schüler vor mir aufgetaucht ist und seinen Shawerma bestellt hat. Okay … nur Kinder, aber das gleiche Schauspiel am Eingang zum Museum, am Ticketverkauf für die Metro … Irgendwie für den deutschen vom Kinderturnen nach Turnvater Jahn geprägten in „Reih-und-Glied-Steher“ immer noch sehr gewöhnungsbedürftig. Aber „andere Länder, andere Sitten“. Dafür 5 Euro in das legendäre Phrasenschwein. Sorry … ich bin abgeschweift? Nein, meine Theorie: Wenn du bei dieser Anzahl an Menschen und Autos in der Stadt vorankommen willst, musst du dir diese Verhaltensweise aneignen. Sonst bist du immer der letzte und deine Sippe stirbt in letzter Konsequenz irgendwann aus. Auf die Hilfe durch Verkehrsregeln und Ampeln darfst du in Kairo auch nicht zählen, auch wenn sich während unserer Zeit hier die Anzahl der Ampel verdreifacht hat. Waren es vor einem knappen Jahr noch 5 Ampeln auf dem Stadtgebiet verteilt, so sind es mittlerweile sicher mindestens 15. Das Ganze klingt nun nach dem perfekten Sturm, dem kompletten Chaos auf den Straßen von Kairo. Aber: Es gibt eine Ordnung in diesem scheinbar regellosen Verkehrs-Wirrwarr. Unter dem bröckeligen Asphalt gibt es einen allen Verkehrsteilnehmern bekannten „Kodex“, der den Verkehr am Laufen hält und das Chaos berechenbar macht. Und trotz der ständigen Überflutung an optischen und akustischen Reizen geht es auf eine gewisse Weise entspannt auf den Straßen zu. Da es keine klar definierten Regeln gibt, kann man auch nicht auf deren Einhaltung pochen und das Funktionieren des Systems, dessen Teil man ja ist, verlangt an den entscheidenden Stellen Rücksichtnahme, insbesondere auf die schwächeren Verkehrsteilnehmer, Fußgänger, die zahlreichen Straßenhunde und die wenigen Radfahrer. Zu diesen zähle ich mich mittlerweile in unserem Stadtteil Maadi auch. Ich hoffe ich kann meine ägyptische Fahrweise zuhause wieder ablegen, sonst sehe ich große Probleme mit dem Ordnungsamt auf mich zukommen
Dennoch: Was für die einzelne Fahrt des Touristen aufgrund der Andersartigkeit und der Vielfalt an Eindrücken ein Erlebnis sein mag, ist auf Dauer sicher auch für die Ägypter ermüdend und ein klarer Stressfaktor: 45 Minuten Fahrt in die Schule oder zur Arbeit, auch mal eine Stunde Fahrt zu Freunden oder Bekannten, die nicht um die Ecke wohnen, und dann wieder zurück und dann am Wochenende noch der Ausflug zum Markt oder ins Museum, wieder eine Stunde Fahrtzeit. Das alles regelmäßig im Stop-and-Go, im Lärm der Stadt und dem Gestank der Abgase … kein Duft nach Aloeholz. Leider ist die Fahrt im Auto, in unserem Falle Uber (Taxi), meistens alternativlos, da über das kleine U-Bahn-Netz mit aktuell 3 Linien nur wenige Ziele innerhalb der Stadt erreichbar sind. Hier besteht auf jeden Fall Potenzial. Eine vierte Linie befindet sich Bau. Aktuell nur ein Tropfen auf den heißen Wüstensand, aber sicher die richtige Fahrtrichtung. Mit weiteren Ratschlägen möchte ich an dieser Stelle in Anbetracht der Verkehrssituation auf deutschen Autobahnen und in deutschen Großstädten nicht aufwarten. Letztendlich stehen wir hier trotz besser ausgebautem ÖPNV an einigen Stellen vor ähnlichen Herausforderungen, auch wenn diese hier allein schon aufgrund der Dimension der Stadt und der Bevölkerungsdichte größer sind. (Dazu mehr auch im folgenden Abschnitt beim Thema Luftverschmutzung.)
Was können wir bei diesem Ausflug in den Straßenverkehr von Kairo dennoch lernen?
- Die Überregulierung im deutschen Straßenverkehr, die leider ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen ausnimmt, würde die Probleme hier nicht lösen. In Berlin bei nur ca. 1 Million Autos benötigt man für eine Strecke von 10 km durchschnittlich 28 Minuten, in Kairo nur 22 Minuten - Stoßzeiten ausgenommen.
- Noch wichtiger als Regeln, Straßenschilder und ausufernde Fahrausbildungen - hier macht das der Onkel - sind im Straßenverkehr gegenseitige Rücksichtsnahme und eine gute Portion (ägyptische) Gelassenheit.
- Autos können sehr, sehr lange ihren Dienst tun, wenn man sie repariert - und man repariert hier notgedrungen viel - und nicht der deffekte Blinker zum Neukauf oder die kleine Roststelle an der Beiführertür zur Stilllegung durch den TÜV führt. Damit möchte ich aber an dieser Stelle aber nicht die Diskussion um die CO2-Bilanz im Vergleich zu einem Neuwagen aufmachen. Fakt ist jedenfalls: Die schwarzen Rußwolken, mit denen die zahlreichen "Oldtimer" hier auf den Straßen die Sicht vernebeln, sind nicht gesund. Dazu mehr im folgenden Abschnitt.
Falls du wissen willst, warum viele Fahrzeuge in Ägypten unter dem ägyptischen Kennzeichen noch ein deutsches Nummernschild haben, dann schau in der Rubrik "Bemerkenswertes".
Kairo ist kein Luftkurort
In der morgendlichen Rush-Hour von Kairo schieben sich hupend Stoßstange an Stoßstange unzählige Autos auf dem Weg zur Arbeit in Richtung Innenstadt. Nicht wenige davon husten dunkle Rauchwolken in den Morgenverkehr. Auch mein Uber-Taxi, in dem ich mich gerade auf dem Weg zur deutschen Schule befinde, dürfte sich der ASU-Prüfstelle wahrscheinlich nicht einmal nähern. Ich schaue aus dem Fenster. Wo sich gestern noch links der Uferstraße Corniche der Nil blau glänzend im Licht der Morgensonne schlängelte, kann ich im grauen Dunst nur noch ein dunkles Band erahnen. Spätestens als ich ein paar Minuten später bei der Überquerung der Cairo University Brücke meinen Blick nach Norden wandern lasse, in der Hoffnung, dort das imposante Panorama der Nilinsel Gezira mit dem Kairo Tower bewundern zu können, werde ich nervös. Der Turm ist verschwunden.
Entgegen meines Vorsatzes schaue ich auf mein Handy und meine Vorahnung bestätigt sich. Kairo auf Rang 1. Das klingt etwas nach Bayern München in der Fußball-Bundesliga. Beides führt in diesem Fall bei mir persönlich nicht zur Ausschüttung von Glückshormonen, zum Glück aber auch nicht zu Beklemmung und Atemnot. Entscheidender als die Bundesligatabelle ist beim Thema „Atemnot“ die Top-Platzierung, die Kairo an zahlreichen Tagen unseres Aufenthaltes hier im Ranking der Städte mit der schlechtesten Luftqualität weltweit einnimmt. Noch vor renommierten CO2- und Feinstaub-Produzenten wie Delhi, Dhaka, Jakarta oder Lahore. So auch an diesem Morgen … bestätigt durch die Live-Rangliste der Städte mit der stärksten Luftverschmutzung auf der informativen Internet-Seite www.iqair.com .
Das nicht ständig frische Meeresbriesen über den Nil ziehen und dass Kairo nicht als Luftkurort taugt, war mir schon im Vorfeld unserer Ausreise klar. Aber die höchsten Feinstaub-Werte weltweit? Die IQAir-App zeigt ein graues Warnsymbol mit Atemschutzmaske und bewertet die Luftqualität schlicht als: „gefährlich“. Nachdenklich wende ich den Blick von meinem Smartphone ab und schaue wieder aus dem Autofenster. Eine graue Dunstwolke aus umherschwebenden Mikropartikeln. Feinstaub und zwar jede Menge - Hauptschadstoff PM2,5, Konzentration 285 Mikrogramm pro Kubikmeter meldet meine App.
Tatsächlich ist schlechte Luft in diesem Ausmaß mehr als ein abstrakter Messwert. Sie ist an diesen Tagen mit verschiedenen Sinnen förmlich greifbar:
1. Meine Frau reißt am Morgen das Schlafzimmerfenster zum Lüften auf – ich nehme das nicht persönlich. Ein Geruch von Rauch und Abgasen zieht unaufhaltsam in die Wohnung und überlagert in Sekundbruchteilen andere Störgerüche. Und verantwortlich dafür ist definitiv nicht der Gärtner Mohammad, der sich im Innenhof unseres Compounds seine morgendliche Zigarette gönnt. Ich springe aus dem Bett auf und schließe unter dem kritischen Blick meiner Frau schweigend das Fenster. Lüften macht so genauso wenig Sinn wie Rasensprengen bei Starkregen. Auch das gibt es hier.
2. Wir fahren mit Besuchern aus Deutschland erwartungsfroh auf den 187m hohen Kairo Tower. 350 EGP pro Person und eine Wartezeit von knapp 45 Minuten. Man will seinen Gästen ja etwas bieten: den Blick über die Riesenstadt Kairo, den mäandernden Nil und an guten Tagen sogar bis zu den Pyramiden von Sakkara am fernen Horizont. Beeindruckend. Doch beim Betreten der Aussichtsplattform wird schnell klar. Heute ist kein guter Tag. Nicht einmal die Pyramiden von Gizeh am nur 10 Kilometer entfernten Stadtrand sind zu sehen. Auch der freundliche für ein Foto-Shooting als Pharao verkleidet bereitstehende Ägypter kann da nicht weiterhelfen. Die Suche nach den Pyramiden im grauen „Etwas“ gestaltet sich wie ein Stochern im trüben Nil.
3. Du trainierst wochenlang nach einem fein ausgeklügelten Trainingsplan für die 45. Auflage des traditionsreichen Pyramidenlaufs der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo. Leider aus Respekt vor den zahlreichen Straßenhunden nicht auf einer schönen Strecke durch unseren tatsächlich sehr grünen Stadtteil Maadi, sondern einsam und allein auf einem Laufband im Neonlicht eines Fitness-Raumes. Einsam und allein ist man beim Pyramidenlauf dagegen nicht, sondern einer unter rund 1000 Teilnehmern – überwiegend Schüler der deutschen Schule. Die asphaltierte Strecke quer durch wüstenartiges Gelände, selbst unspektakulär, erhält ihren besonderen Reiz durch die drei großen Pyramiden von Gizeh, die als ständiger Begleiter und Ansporn im Hintergrund thronen. Bei dieser Sondermotivation sollte eine Zielzeit von 30 Minuten für die 6 Kilometer doch bei der Vorbereitung locker zu schaffen sein. Dass ich von einem Großteil der hochmotivierten Nachwuchsläufer die Hacken kurz nach dem Start in einer Staubwolke verschwinden sehe, macht mich noch nicht nervös. Mein Zeitplan steht … . Als ich 35 Minuten später keuchend nach einer Grundschülerin die Ziellinie überquere, ist klar: Ziel erreicht, aber dennoch verfehlt. Wieder wandert mein Blick auf der Suche nach Gründen auf mein Smartphone. Da steht es in der IQAir-App weiß auf grau „Luftqualität ungesund.“ Gerne schiebe ich andere mögliche Gründe für mein bescheidenes Abschneiden beiseite.
Bewegen wir uns also nur mit Atemschutzmasken – Corona lässt grüßen – durch Kairo? Nein. Zur richtigen Einordnung: Die schlechte Luftqualität erreicht ihren Peak in den kälteren Monaten von November bis Februar, was ohne regionale Kenntnisse auch für den Hobby-Meteorologen etwas verwunderlich ist. Dass Kairo ganzjährig kein Luftkurort ist, ist aufgrund der dauerhaften Grundbelastung durch den extrem dichten Verkehr mit vielen älteren Fahrzeugen und der Emissionen der umliegenden Industriegebiete wenig überraschend. Die spürbare Luftverschlechterung im späten Herbst und frühen Winter wird dann durch die Verbrennung von Reisstroh im Nildelta forciert. Die Einheimischen sprechen vom Phänomen der „Black Cloud“. Durch Inversionswetterlagen und wenig Luftzirkulation im Winter kann diese wochenlang über der Stadt liegen. Die Luft ist dann schwer, grau und rauchig.
Zum Glück haben wir bisher dadurch keine Beschwerden, so wie ich auch meine jugendliche Party-Zigarette hoffentlich durch einen ansonsten rundum gesunden Lebensstil mehr als kompensiert habe. Aber mehrere Jahre Kettenraucher kann nicht gesund sein, was ich für die persönliche langfristige Planung meines Lebensmittelpunktes auf jeden Fall berücksichtigen werde. Während unserer schönen Zeit hier helfen Luftfilter in der Wohnung und eine gute Portion ägyptische Gelassenheit nach dem Motto „Inshallah“. Den nicht aufgestellten Streckenrekord beim Pyramidenlauf kann ich verschmerzen.
Klar ist: Auch in Deutschland gibt es in größeren Städten bei speziellen Bedingungen Probleme mit Feinstaub. Das Problem der Luftverschmutzung erreicht in Kairo jedoch eine andere Dimension mit erheblichen möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit seiner 20 bis 30 Millionen Bewohner. Also … sauber Deutschland, fast alles richtig gefiltert oder gemacht?
Dazu auch hier ein Denkanstoß: Beim C02-Ausstoß haben wir - um beim Bild zu bleiben - klar die Nase vorne: Wir produzieren pro Kopf ca. viermal soviel klimarelevantes Kohlendioxid wie ein Ägypter. Treibhausgase machen nun an keiner Ländergrenze halt und die Folgen des Klimawandels sind auch in Ägypten spürbar … noch höhere Temperaturen, noch größere Trockenheit mit vorhersehbaren Herausforderungen für die Bevölkerung.
Das Kehren vor der eigenen Haustüre macht zwar Eindruck und steigert die persönliche Lebensqualität. Der Müll verschwindet dadurch noch nicht.
Oder anders ausgedrückt: Feinstaub bleibt lokal – Klimawandel nicht.
3 Bilady - Ankommen im Alltag
7.15 Uhr - Pausenhof der Deutschen Evangelischen Oberschule (DEO) in Dokki, Kairo. Rund 1200 Schülerinnen und Schüler singen jeden morgen gemeinsam die ägyptische Nationalhymne "Bilady, bilady" nachdem zuvor der deutsch-ägyptischen Freundschaft und der interkulturellen Begegnung gedacht wurde.
"Bilady - Ägypten, mein Heimatland." Macht euch keine Sorgen. Ganz so weit bin ich noch nicht ... noch immer bin ich bei der deutschen Nationalhymne textsicherer ... "Einigkeit und Recht und Freiheit". Ihr wisst schon. Alles sehr wichtige und nicht selbstverständliche Errungenschaften, die es zu bewahren gilt.
Aber "Bilady, bilady" ist nun mal der endgültige Start in unseren Alltag als Familie in Kairo, in dem nun auch meiner Tochter und ich angekommen sind. 5.35 Uhr Aufstehen, 6.18 Uhr in den Schulbus steigen, durch das morgendliche Kairo tuckern, gegen 7.00 Uhr an der Schule ankommen und um 7.15 Uhr ... Ich bin ganz dankbar, dass die ägyptsche Nationalhymne aufgrund ihrer fröhlichen nach Klassenfahrt und Gospelkonzert klingenden Melodie vor den anstehenden schulischen Herausforderungen erstmal für die Schulgemeinschaft eine positive Grundstimmung erzeugt.
Auf meine ersten sehr eindrücklichen Erfahrungen zum Schulleben und Schulalltag möchte ich hier auf meiner Homepage aus verschiedenen Gründen nicht näher eingehen.
Ich würde diesen Teil meines Reiseblogs per Email-Verteiler verschicken.
Bitte gib mir über mein Kontaktformular auf der Homepage oder auf einem anderen Weg Bescheid, ob du in den Blog-Verteiler aufgenommer werden willst.
Alltag in einer komplett ungewohnten Umgebung, fühlt sich definitiv anders an als der Alltag den man von zuhause kennt und der nun spätestens wieder nächste Woche mit dem Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg beginnen würde. Also doch kein Alltag ... Ich habe mich noch nicht ganz entschieden.
Deshalb nochmal der Rückblick auf Teil 2 meines Blogs:
Nach der Anfangseuphorie - "hey, ich bin hier ein Jahr im Urlaub"-Phase und der danach folgenden Realitätsphase - "oh, wie läuft das denn hier alles"-Phase, geht es nun um den Aufbau einer authentischen und stabilen Beziehung zum Land und den Menschen hier. Aber auch ganz profan um eine Gestaltung des Alltags außerhalb von Schule und Arbeit, die sich gut anfühlt.
Bilady - unbeding reinhören!
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Alltag oder kein Alltag
Wie beschreibt man einen Alltag, der eigentlich noch kein Alltag ist. Am besten gar nicht ;-). Ich probiere es dennoch mal mit drei Teilaspekten und dazu passenden Fragen:
Bekanntschaften und Freundschaften: Mit wem spielt man?
Wie der Kaiser Franz (Beckenbauer) zu sagen pflegte: "Is joa kloar". Euch kann keiner 1: 1 ersetzen, aber alleine spielen macht auch keinen Spaß. Man muss sich taktisch neu aufstellen und etwas am Spielsystem feilen. Natürlich auch nicht zu viel. Das kann sonst in die schwarzen oder weißen Hosen gehen. Nagelsmann lässt grüßen.
Also doch erstmal wieder an die netten Lehrer und neuen Arbeitskollegen halten. Tatsächlich wohnen bei uns in der Anlage gleich drei Kolleginnen bzw. Kollegen von mir, die ebenfalls Newcomer und zum Glück auch sehr nett sind. Das "Im gleichen Boot"-Sitzen" verbindet einfach. Das passt. Langweilig. Zu wenig interkultureller Austausch? Nein ... die Möglichkeiten hierzu sind da. Die ägyptischen Kollegen an der Schule mit Tandempartner, die Familien im Compound (Frankreich, Italien, Kanada, Polen, Kolumbien, Russland ...), die man regelmäßig im Garten trifft, die Arbeitskollegen von Diana ... Natürlich wird nicht aus jeder Möglichkeit ein Tor. Bevor Rückfragen kommen. Leider musste unsere Nachbarin Sophie mittlerweile ihre Stelle in Lybien antreten. Aber ihr wisst ja ... mein Buch. Aktuell sind die Chancen für seine Entstehung etwas gesunken ... der Alltag.
Sportliche Aktivitäten: Was spielt man?
Kein fester Beachvolleyball-Abend, keine spontane Mountain-Bike-Runde auf den Wattkopf und keine Option auf den Germaniakick, die ich schon Jahrzehnte nicht genutzt habe.
Die Jungs hier beim Kick heißen dann eben nicht Andi, Markus, Christian oder Jörg, sondern Mo, Bek, Alex, Uros und John ... ansonsten das gleiche Grundprinzip. Fußball verbindet. Bisher habe ich das fußballerische Treiben nur passiv als Chatbeobachter aus der Ferne verfolgt. Alleine das ist bei geschätzten 87 Nachrichten täglich in der Whatsapp-Gruppe schon tagesfüllend. Vor einem aktiven Einstieg heißt es für mich auf jeden Fall zuerst Formaufbau. Bisher konnte ich mich aber noch nicht dazu motivieren, mich bei 35 Grad im Schatten durch das Spalier von hunderten freundlichen und eventuell weniger freundlichen Straßenhunden durch Maadi zu bewegen. Immerhin habe ich es heute dank einer hilfsbereiten Nachbarin geschafft das Laufband und mich hier im kleinen Fitness-Studio in Bewegung zu versetzen. Zusammen mit ein paar entspannten Bahnen im Pool im Anschluss kein schlechter Start in den Tag.
Ansonsten gibt es hier in Maadi große Sportclubs mit einem Riesengelände und vielen verschiedenen Angeboten: Fußball, Tennis, Paddel-Tennis (ganz groß angesagt hier), Volleyball, Turnen, Kampfsport ...
Ich werde euch auf dem Laufenden halte, falls ich nochmal in olympische Regionen vorstoßen sollte.
Freizeit: Wo spielt man?
Kairo ist riesig, die Möglichkeiten etwas zu unternehmen und neues zu entdecken dementsprechend auch. Aktuell sind die Temperaturen hier noch ein zeitlich und räumlich limitierender Faktor. Heute morgen war es zum ersten mal bei 22 Grad angenehm frisch.
Da die Zeit nicht drängt, haben wir uns bisher auf kleinere Ausflüge beschränkt:
1. Besuch des Cairo-Towers mit herrlichem Blick über die Stadt bis zu den Pyramiden:
Der Cairo-Tower ist 187 m hoch und war lange das höchste Bauwerk Ägyptens (ca. 43 m höher als die Cheops.Pyramide.
2. Fahrt mit einer Feluke auf dem Nil mit authentischem Kapitän
Feluken sind traditionelle, kleine Segelboote ... typisch für Kairo und Ägypten. Kairo aus der Nilperspektive ... sehr erholsam als kleine Auszeit vom Straßenlärm und Trubel der Stadt.
3. Besuch des Khan El Khalili Bazars
Der Bazar ist einer der ältesten und bekanntesten Bazare im Nahen Osten und wurde bereuts 1382 gegründet.
Hier ein paar Impressionen zu den Ausflügen:
2 Herausforderungen - Ägypten ist kein Ponyhof
Zuerst einmal möchte ich allen danken, die mir ein Feedback zum ersten Teil meines Reiseblogs gegeben haben. Ihr habt mich nicht völlig zerlegt; im Gegenteil: Auch dank eurer motivierender Rückmeldungen sitze ich gerade am Laptop und begebe mich auf eine innere Reise durch die zweite Woche in Ägypten. Ich stelle sie nach der Anfangseuphorie der ersten Woche unter die Überschrift: "Herausforderungen - Ägypten ist kein Ponyhof" ... Kamelhof klänge irgendwie komisch. Damit möchte ich diejenigen unter euch beruhigen, die eine einseitig positive Berichterstattung befürchten. Ja, diese Gefahr besteht durchaus und es ist ein leichtes - zumal in Zeiten von KI und Co . - euch hier aus Ägypten ein paar "Märchen aus 1001 Nacht" zu erzählen. Inspiriert durch die Erfahrung mit unserer Unterkunft am Mittelmeer, die uns auf Airbnb mit Hochglanzfotos und vielversprechenden Beschreibungen angepriesen wurde, möchte ich euch die zweite Woche hier in Kairo in zwei verschiedenen Versionen erzählen ... die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Inhalte beider Versionen entsprechen im Wesentlichen den Tatsachen. Nur die wenigen kursiv geschriebenen Abschnitte wurde im Sinne der besseren Lesbarkeit dazugedichtet.
Ausgangspunkt für Woche 2:
Da wir hier in Kairo nicht zum Spaß sind und die Schule für mich bereits am 24. August startet, hatten wir für die zweite Woche in Ägypten eine Woche "Sommerurlaub" am Mittelmeer bei Alexandria geplant. Erste Herausforderung: Wie kommen wir ohne eigenes Auto dahin?
Fahrrad? Nein ... zu weit. Moped? Nein ... zu gefährlich. Auf der Pritsche vom Transporter? Nein ... zu zugig. Bahn? Ja ... das wäre eigentlich gut. Theoretisch zumindest.
In der Praxis bedeutete dies für uns: 30 Minuten im Uber zum Bahnhof, dann 3 Stunden Zugfahrt, dann nochmal 1 Stunde mit dem Uber vom Bahnhof zur Ferienwohnung ... Kosten ca. 180 Euro
Oder mit einem uns empfohlenen Fahrer - Mostafa - direkt in 3 Stunden zur Ferienwohnung ... Kosten ca. 50 Euro
Ihr dürft raten, welche Variante wir in diesem Fall gewählt haben. Shame on us. Es war aber in diesem Fall aus verschiedenen Gründen - das ist eine andere Geschichte - die richtige Entscheidung. Jedenfalls war Mostafa jedes ägyptsche Pfund wert und hat und uns als "Driver für alle Fälle" in einigen schwierigen Situationen entscheidend weitergeholfen.
Wir fahren hier aber auch definitiv noch Bahn und die E-Bikes zuhause werden auch nicht verkauft. Nun aber zu den beiden Versionen.
Unsere Urlaubswoche - Ägypten ist ein Ponyhof (Version 1)
Raus aus der heißen und stickigen Großstadt. Eine Woche an der etwas kühleren Mittelmeerküste die Nase in die frische Seeluft und die Beine in erfrischendes Meerwasser halten. Nach dem monatelangen Planen und Organisieren einfach mal ein paar Tage abhängen. Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.
Man kennt als Europäer das Mittelmeer eigentlich nur von der anderen Seite. Und wer nach Ägypten reist, der reist ans Rote Meer.
Wir hatten keine große Vorstellung von der ägyptischen Mittelmeerküste ... auch da sich aufgrund anderer organisatorischer Schwerpunkte die Vorbereitungszeit auf diesen Urlaub entgegen sonstiger Gepflogenheiten in äußerst überschaubarem Maße hielt.
Wir waren jedenfalls positiv von der Küste überrascht: feiner, weißer Sandstrand, total klares Wasser ... fast wie in der Karibik. (Natürlich nur fast.) An einem Tag Wellen wie am Atlantik mit "Wellenreitpotenzial", dann wieder ein entspanntes Auf und Ab der der Wellen ... ideal zum Schwimmen.
Unsere Ferienanlage "Casablanca Resort" bot alles was man braucht: kleiner Supermarkt, authentische Restaurants und dazu gleich vier schönen Pools zum gepflegten "Poolhopping" .
Europäischen Touristen musste man mit dem Fernglas suchen und war auch dann nicht erfolgreich. Dies bot Gelegenheit zum Eintauchen in die ägyptische Urlaubskultur und zum schnellen Kontakt mit den Einheimischen.
Dazu bei der Ferienwohnung ein echtes Schnäppchen gemacht. Die Aussicht vom Balkon war grandios und wer braucht schon eine saubere Wohnung, wenn man sich sowieso nur am Strand mit Schwimmen, Bootsfahrten, Strandburgenbau und am Abend beim üblichen Sitzen auf Plastikstühlen beim gemeinsamen Rauchen der Wasserpfeife mit den Einheimischen vergnügt.
Jedenfalls waren wir nach vier Tagen schon so erholt, dass wir den Urlaub vorzeitig beenden konnten. So hatten wir den Rest der Woche nach unserer Ankunft Zuhause in Kairo - es hat sich tatsächlich zumindest schon teilweise so angefühlt - Zeit für das weitere Einrichten und Einleben. Während unserer kurzen Abwesenweit hat sich unser "Compound" weiter mit neuen Nachbarn, mit Leben gefüllt und in die erhoffte Multi-Kulti-Wohngemeinschaft verwandelt: Ägypter, Franzosen, Polen, Kanadier, Kolumbianer ... und natürlich auch Deutsche. Of course: I have to improve my English. (Es muss wieder vom Rost befreit werden.)
Ein großes Highlight war sicher der Besuch des neuen, offiziell noch nicht eröffneten Grand Egyptian Museum (kurz GEM), weshalb ich diesem einen eigenen kurzen Abschnitt widmen werde.
Nun möchte ich aber Bilder für die völlig stressfreie zweite Woche sprechen lassen. Ägypten ist doch ein Ponyhof.
Unsere Urlaubswoche - Ägypten ist kein Ponyhof (Version 2)
"Nach der Anfangseuphorie folgt typischerweise die Realitäts- oder Ernüchterungsphase, in der die rosarote Brille abgenommen wird und man den Partner mit all seinen Fehlern und Eigenheiten realistisch sieht. Diese Phase kann zu Konflikten und Herausforderungen führen, ist aber auch entscheidend, um eine authentische, stabile Bindung aufzubauen, die auf Akzeptanz und tieferem Verständnis basiert."
Wenn man Ägypten als neuen Partner betrachtet, passt diese KI-Beschreibung sehr gut zur Beschreibung unserer zweiten Woche.
Exemplarisch möchte ich vier Herausforderungen anhand passender Bilder (siehe unten) kurz erläutern:
Herausforderung 1: Airbnb - Allein unter Ägyptern
Leider entsprach unserer Ferienwohnung im Casablanca-Resort, ca. 40 km westlich von Alexandria, nicht den auf den Hochglanzfotos auf Airbnb vermittelten Eindrücken. Die Wohnung war ziemlich abgewohnt, Bad und Küche nicht geputzt und auch nicht "putzbar".
Damit war dann auch ohne zu anspruchsvoll zu sein der Wohlfühlfaktor in der Wohnung weg.
Allein unter Ägyptern, generell kein Problem. Jedoch sind die ägyptischen Touristen an der Mittelmeerküste - Ausnahme in wenigen etwas touristischeren Orten - laut Reiseführer eher traditionell und konservativ eingestellt. Dies machte sich beispielsweise bei der erschwerten Auswahl der Badekleidung beim weiblichen Teil meiner Reisegruppe bemerkbar. Man will dann doch nicht auffallen. Und wenn man dann zweimal wegen offen getragener Haare, meine waren es nicht, einen Poolverweis bekommen hat ...
Herausforderung 2: Nachhaltigkeit
Mit im Gepäck bei so einer Reise sind auch immer zahlreiche Gewohnheiten, Grundsätze und moralische Einstellungen. Die weniger guten möchte man bei einer solchen Gelegenheit einfach mal über Bord werfen (was auch nicht so einfach ist), aber die meisten möchte man in irgendeiner Form weiter pflegen.
Beispiel Nachhaltigkeit. Jeder von uns hat sich seine Strategien beim Umgang mit dieser wichtigen Thematik entwickelt, möchte seinen Beitrag leisten und sich dann auch irgendwie gut dabei fühlen. Zentrale Themen: Mobilität, Konsum und Resourcenverbrauch. Leider lassen sich die gewohnten Ansätze kaum auf das Leben hier übertragen.
Kairo hat definitiv ein Autoproblem und ein Müllproblem (Recylingquote hin oder her).
Viele Wege lassen sich ohne Auto/Uber nur unter größtem Aufwand zurücklegen. Also selbst mit dem Auto zum Einkaufen fahren lassen oder bringen lassen und dann auch mit dem Auto?
Im Supermarkt bekommt man bei 13 gekauften Artikeln 17 Plastiktüten. Selbst wenn mal ausreichend Mülltonnen vorhanden sind, wie am Mittelmeerstrand, landet der Müll treffunsicher daneben. Dazu auf Hochtouren laufende Klimaanlagen.
Ich habe hier jedenfalls im Großstadtdschungel meinen eigenen Weg noch nicht gefunden.
Herausforderung 3: Cheops Rache - Antinal
Mittlerweile pfeife ich mir täglich 4 Antinal-Tabletten rein. Nein, macht euch keine Sorgen, dass ich aufgrund der Herausforderungen hier nun härteren Drogen verfallen bin. Antinal ist das ägyptische Wundermittel gegen ... . Das passende Bild anschauen und selbst herausfinden. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich als Superhero immun gegen Bakterien jeglicher Art bin, und die Tipps meiner Frau nicht bis zu letzten Konsequenz ernst nehmen muss. Aber ein Jahr keine Eiswürfel bei 40 Grad, Zahnbürste mit Flaschenwasser auswaschen ... Dann nehme ich doch lieber noch eine Atinal.
Herausforderung 4: Smartphone
Letzter Stand (siehe Bemerkenswertes 3): Mein Smartphone wird aufgrund der fehlenden Registrierung am Flughafen nach 90 Tagen gesperrt. Es sei denn, ich zahle eine Gebühr von rund 160 Euro. In meiner Verzweiflung habe ich die Kreditkarte schon gezückt, um über eine App das Smartphone ordnungsgemäß zu registrieren und die Gebühr zu bezahlen. Pustekuchen ... funktioniert nicht. Schnell wurde klar, dass meine fast zeitgleich ausgereisten neuen Kolleginnen und ihren Familien das gleiche Schicksal ereilt hat. Wir sitzen also alle im selben Boot und Mitte der Woche zusammen mit der Integrationsbeauftragten der Schule alle im gleichen Schulbus auf dem Weg zum Flughafen. Mission: Smartphones nachträglich registrieren lassen. Die Stimmung auf der Hinfahrt ausgelassen wie auf dem Weg zur Klassenfahrt. Ankunft am Flughafen, mission completed ... no. Gescheitert an diversen Eingangskontrollen, kein Zutritt in das Flughafengebäude, keine nachträgliche Registrierung, keiner weiß Bescheid ... auch bei der zuständigen Hotline nicht. Von meinen kleineren Schwächen bei der arabischen Sprache mal abgesehen.
Einzige wahrscheinlich funktionierende Lösung. Man muss innerhalb von 90 Tagen ausreisen, dann wieder einreisen und das Smartphone bei der Einreise am Flughafen registrieren lassen. Alles klar! Stand jetzt wird mein Smartphone in 81 Tagen lahm gelegt!
Grand Egyptian Museum (GEM)
Unser Besuch im GEM mit unserem ersten Ausblick auf die Pyramiden war ein schöner Ausklang der zweiten Woche. Da gerade nicht nur der Laptopakku leer ist und es morgen mit den Einführunstagen an der DEO spannend weiter geht, lasse ich hier mal die KI das GEM beschreiben.
- Mit einer Fläche von etwa 81 000 m² ist das GEM derzeit das größte archäologische Museum der Welt, das sich ausschließlich einer einzelnen Kultur – dem alten Ägypten – widmet .
- Im GEM lagern über 100 000 antike Stücke, darunter die vollständige Sammlung von Tutanchamuns Grabschatz, bestehend aus mehr als 5 000 Objekten, die erstmals gemeinsam präsentiert werden
- Das Gebäude wurde von der irischen Architekturfirma Heneghan Peng entworfen. Es zeichnet sich durch eine markante Alabaster-Fassade im Stil des Sierpinski-Dreiecks aus. Außerdem sind die Achsen des Gebäudes so ausgerichtet, dass sie direkt auf die Cheops- und Mykerinos-Pyramiden zeigen
- Die ersten 12 Hauptgalerien wurden bereits seit dem 16. Oktober 2024 im Rahmen einer Testphase für Besucher geöffnet. Die vollständige Eröffnung des Museums ist nun für den 1. November 2025 vorgesehen
- Die Eröffnung, ursprünglich für den 3. Juli 2025 angesetzt, wurde auf das vierte Quartal 2025 verschoben – offiziell begründet mit den „aktuellen regionalen Entwicklungen“. Damit ist vor allem die eskalierende Spannung zwischen Israel und Iran gemeint.
1 Ankommen in Kairo
Samstag, 9. August 2025, 21.05 Uhr Ortszeit in Kairo. „The eagle – in dem Falle unser Dreamliner von Egyptair - has landed … und zwar unter tosendem Applaus der überwiegend ägyptischen Mitreisenden. Ich hatte eigentlich gedacht, dass dieses Ritual im Wesentlichen von Pauschaltouristen im Urlaubsflieger nach der Landung auf dem Flughafen von Las Palmas gepflegt wird. So … wer jetzt sofort denkt „andere Länder, andere Sitten“, der ist einem Trugschluss erlegen. Ägypter klatschen nicht aus Prinzip bei jeder Landung, sondern nur, wenn die Reise emotional aufgeladen ist oder der Flug besondere Herausforderungen hatte. Emotional aufgeladen waren wir zum Start unseres „Familienabenteuers“ nach einigen tränenreichen Verabschiedungen und mit Aussicht auf viel Unbekanntes auch, so dass wir dann letztendlich fröhlich mitgeklatscht haben. Man will ja nicht gleich auffallen. Aber jetzt dann doch nochmal zu der großartigen Weisheit „andere Länder, andere Sitten“.
Spätestens als sich nach der üblichen Einreiseprozedur mit diversen Pass- und Gepäckkontrollen die Tür des Terminals 3 für uns öffnete, war klar, dass sich damit auch die Tür in ein anderes Land, in einen anderen Kontinent, in einen anderen Kulturkreis für uns auftat: 36 °C, Backofenluft, ca. 117 Taxifahrer, die einem den besten Preis für die Fahrt in die Innenstadt von Kairo versprechen … okay, damit konnte man rechnen. Aber, dass man vom Anwalt der Schule mit einem Blumenstrauß begrüßt wird, dessen Sohn einem beim Gepäcktransport behilflich ist und man dann mit dem Schulbus der DEO (Deutsche Evangelische Oberschule) zur Wohnung gebracht wird … Respekt und Chapeau, liebe Ägypter.
Für die ersten Tage des Eingroovens und der ersten tänzelnden Schritte hier in Kairo kann es nur einen Background-Song geben „36 Grad , es wird immer heißer“ – nämlich bis zu 42 °C. Unser Aktionsradius erweiterte sich deshalb nur in kleinen Schritten vom Einleben in unserer Wohnung im Royal Garden Compound 1 zum ersten Erkunden unseres neuen Kiezes Maadi. Die Pyramiden von Giza können warten. Wenn sie nun schon seit gut 4500 Jahren im Wüstensand vor den Toren Kairos stehen, dann werden sie sicher auch noch morgen dort auf unseren Besuch harren.
Deshalb auch als Ausgangspunkt für unsere gemeinsame Reise durch Kairo und Ägypten einige Spotlights und Eindrücke unserer neuen „Interimsheimat“ in Maadi.
Unser Zuhause in Kairo
Die Wohnanlage Royal Garden Compound 1 ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen, aber da ich das mittlerweile auch bin ... das passt ohne Zweifel. Hier ein kurzes Brainstorming als zusätzliche Begründung für alle Zweifler und Skeptiker:
- Ich werde wahrscheinlich nur einmal in meinem Leben direkt von der Terrasse über den Garten zum Pool laufen können. Bei den Temperaturen allein schon diese Woche überlebenswichtig.
- Die Umgebung ist mindestens so grün wie die Karlsruher Waldstadt und so ruhig wie Etzenrot bei Nacht. (Okay ... der zweite Teil war deutlich übertrieben. Etzenrot liegt nicht in der Einflugschneise eines Großflughafens). Selbst der Ruf des Muezzins kommt in moderater Lautstärke und damit sogar entspannender, weil exotischer Form bei uns an.
- Der Hausmeister Mahmoud ist wirklich ein angenehmer Zeitgenosse. Heute morgen hatte ich sogar das Vergnügen, von ihm auf dem Roller auf den morgendlichen Straßen Kairos zum Supermarkt gefahren zu werden.
- Direkt um die Ecke ist der wohl beste Bäcker Kairos, das "Ratio". 5 Sterne für den Cappucino im Innenhof unter Palmen.
- Die Nachbarin Sophie, die Sekretärin des französischen Botschafters in Kairo, die zu ihrem Bedauern nach Lybien wechseln muss, möchte ich in diesem Zusammenhang nur aus folgendem Grund erwähnen: Wenn ich tatsächlich während meiner Zeit hier in Kairo ein Buch schreiben sollte, wird sie darin vorkommen.
Maadi - Unser neuer "Kiez"
Der Stadtteil Maadi im Süden Kairos wurde ursprünglich im frühen 20. Jahrhundert von einer britischen Expat- und Immobiliengesellschaft auf der Grundlage europäischer Stadtplanung entwickelt. Auffällig ist sofort, wie grün dieser Stadteil ist. Klar ... Maadi gehört definitiv zu den besseren Viertel Kairos: Hier leben eine Vielzahl nationaler Gruppen – Expats, Angehörige von Botschaften, aber eben auch Ortslehrkräfte wie ich und viele Ägypter, größtenteils aus einer priviligierten Schicht. Auf den Straßen, vor allem der lebhaften "Road 9" sieht man aber auch die andere Seite Kairos ... Straßenverkäufer, hupende Autos und Roller, Ägypterinnen verschleiert in traditioneller Kleidung und natürlich auch viel Armut in Gestalt bettelnder Kinder. In diesem Spannungsfeld zwischen Armut und Wohlstand, Tradition und Moderne werden wir uns in diesem Jahr häufig bewegen. Maadi ist ein authentischer, zu uns passender Ausgangspunkt für diese Entdeckungsreise.
Bemerkenswertes
1 In Kairo gibt es unzählige Straßenkatzen und Straßenhunde.
Diese sind jedoch nach unseren bisherigen Erfahrung tiefenentspannt.
In mehreren Stadtteilen Kairos – etwa in Maadi, Zamalek und New Cairo – führen Tierschutzorganisationen Trap-Neuter-Release (TNR) durch.
Nach dem Einfangen, Impfen (z. B. gegen Tollwut) sowie Sterilisieren werden die Hunde mit einem kleinen Einschnitt oder einer Marke am Ohr gekennzeichnet. Das zeigt, dass sie bereits behandelt sind und nicht erneut eingefangen werden müssen.
Dieses Vorgehen trägt entscheidend zur Kontrolle der Straßenhundpopulation bei und ist ein deutlicher Fortschritt zum Ansatz früherer Jahre (Töten und Vergiften).
Wir haben uns jedenfalls schon an unsere friedlichen Nachbarn gewöhnt.
2 Der ägyptische Wiedehopf
In unserem Garten tummeln sich jeden Tag einige Vögel - darunter auch der exotisch anmutende Wiedehopf.
Laut dem ägyptischen Symbollexikon war der Wiedehopf der einzige Vogel, der die Liebe seiner Eltern erwiderte und sich um sie kümmerte, wenn sie alt wurden. Daher wurde er als Symbol der Dankbarkeit betrachtet und oft mit Kindgottheiten oder Kindern dargestellt.
3 Zoll auf eingeführte Smartphones ...
Mein erstes großes Ärgernis nach dem Motto: "wenn ich das gewusst hätte. Seit dem 1. Januar 2025 wird auf eingeführte Smartphones eine Zollgebühr von 38,5 % des Neupreiswertes berechnet. Dies erfährt man spätestens beim Kauf einer lokalen SIM-Karte. Wer dies umgehen will ... nach 90 Tagen wird das Smartphone für die weitere Nutzung komplett gesperrt. Also für Touristen kein Problem, für mich leider schon: Zollgebühren 160 Euro und damit liege ich beim Anschaffungspreis des "Refurbished-Smartphones.
4 Kairo hat ein großes Müllproblem?
Ja. Die Straßen sind furchtbar vermüllt, dass man damit erstmal mental zurechtkommen muss. Plastikflaschen ohne Ende, keine Mülltrennung. Für uns deutschen Mülltrennungs-Weltmeister ein "No-Go". Aber es lohnt sich sich hier etwas tiefer im Müll zu graben.
Die Abfälle von Millionen werden in Kairo nicht etwa verbrannt oder im Meer versenkt, sondern von Müllsammlern sortiert und verwertet, den Zabalin. Die Zabalin, eine Bevölkerungsgruppe meist koptischer Christen, lebt überwiegend in dem Stadtteil
Manshiyet Nasr, auch "Garbage City" genannt. Durch dieses informelle System werden nach Schätzungen verschiedener Quellen ca. 80 % des städtischen Müll recycelt. Zum Vergleich: nach Angaben des Umweltbundesamtes lag 2022 die Recyclingquote für kommunalen Hausmüll in Deutschland bei 67,7 %.
Wer mehr über die Müllstadt von Kairo, die Zabalin und deren System der Abfallentsorgung erfahren will, dem sei folgende, hier verlinkte ARTE-Dokumenation aus dem Jahr 2023 empfohlen:
"Ägypten: Die Recycling-Genies von Kairo."
(Den quatschenden Typen links unten einfach ausblenden.)
Dennoch: Der Müll im Straßenbild Kairos ist ein komplexes Problem. Allein unsere gewohnten Ansätze werden hier so nicht funktionieren.
5 Das islamische Wochenende
Gut zu wissen: Der Freitag ist für die Muslime der wichtigste Tag der Woche - vergleichbar mit dem Sonntag bei uns. Somit bilden der Freitag und der Samstag das muslimische Wochenende.
6 Alkohol in Kairo
Im Islam gilt Alkohol (arab. khamr, خمر) als haram – also religiös verboten – basierend auf Koranversen und Hadithen. Komplett verboten ist der Alkohol in Ägypten nicht, aber staatlich reguliert. Was bedeutet dies für die deutsche Ortslehrkraft, wenn sie doch mal auf der Terrasse mit den netten Nachbarn ein kühles Bierchen trinken will. Alkolol gibt es nur in speziellen Läden mit den vielsagenden Namen "Drinkies" und "Cheers". Die meisten bestellen sich die alkoholischen Getränke bei diesen Läden im Internet. Das habe ich tatsächlich schon mal ausprobiert - natürlich nur probeweise. Man kommt sich irgendwie schon bei der Bestellung verdammt kriminell vor und wenn dann noch der Lieferant bei Dunkelheit und einer schwarzen Tüte vorbeikommt ... Shame on me.
Nur am Rande: Der ägyptische Weißwein "Jardin du Nil", angebaut im Nildelta nordwestlich von Kairo, ist tatsächlich sehr lecker und hat schon zu diversen Medaillen bei französischen Weinprämierungen gebracht.
7 Märtyrerabgabe
Tatsächlich war ich erstmal etwas überrascht als ich auf meinem ersten Gehaltszettel hier in Ägypten neben den Abzügen für die Lohnsteuer den Eintrag "Martyrs Fund Tax" 73.28 LE vorfand. Märtyrerabgabe? Okay ... Abgabe verstehe ich. Aber wer ist der Märtyrer, der mein hart verdientes Geld bekommen soll? Da mein Gehalt als Ortslehrkraft an der deutschen Schule durchaus überschaubar ist, wollte ich doch genauer wissen, welchem Märtyter ich mein Geld spende und habe natürlich die KI befragt:
In Ägypten bezieht sich die sogenannte „Märtyrerabgabe“ (arabisch: رسم الشهيد – rasm al-shahīd) auf eine besondere Steuer bzw. Abgabe, die von Bürgerinnen und Bürgern zu zahlen ist, um die Familien von „Märtyrern“ (also gefallenen Soldaten, Polizisten oder anderen Personen, die im Dienst des Staates ums Leben kamen) zu unterstützen.
"Inshallah" (إن شاء الله)
8 Deutsche Kennzeichen in Ägypten
Auffällig viele Autos in Ägypten haben deutsche Kennzeichen unter dem obligatorischen ägyptischen Kennzeichen. Wer nun sofort denkt: „Klar, Onkel Günther hat seine alte Kiste noch gewinnbringend nach Ägypten verkauft.“, liegt wahrscheinlich falsch. Die Kennzeichen werden häufig bewusst auf dem eigenen Auto angebracht, um das Auto „aufzupimpen“. Deutsche Autos gelten hier immer noch als hochwertig und modern. Offensichtlich ist der Zustand der deutschen Automobilindustrie kein Thema in den ägyptischen Medien.
Liebe Kasseler, ihr Automobilspezialisten:
Eure Kennzeichen scheinen hier besonders begehrt zu sein. Nochmal im Keller das alte Kennzeichen suchen und dann nach Ägypten verscherbeln.